Der Mensch, der spielt, ist der Mensch der lebt. Das ist ein schrecklicher Umstand. Im wesentlichen spielt der Schauspieler etwas Erfundenes, einen Traum: Im Leben sind die Reize, auf die wir ansprechen, immer real. Der Schauspieler dagegen muss staendig auf imaginaere Reize reagieren. Und doch darf dies nicht nur so geschehen wie auch im Leben, sondern vielmehr in aller Fuelle und ausdrucksstaerker.
Erinnern Sie sich, wenn Hamlet sagt: "Ist's nicht erstaunlich, dass der Spieler hier / Bei einer bloßen Dichtung, einem Traum / Der Leidenschaft, vermochte seine Seele / Nach eignen Vorstellungen so zu zwingen..."? Ist es nicht erstaunlich, ja ungeheuerlich, dass jemand diese Faehigkeit besitzen sollte? Der Beruf des Schauspielens, die Grundlagen der Kunst des Schauspielens sind eine ungeheuerliche Angelegenheit, weil mit denselben Muskeln aus Fleisch und Blut gespielt wird, mit denen man gewoehnliche, reale Handlungen durchfuehrt.
Gehen Sie doch zurueck, bis hin zu dem griechischen Schauspieler Polus, der in Sophokles' Elektra eine Urne mit der Asche seines Sohnes trug; Shakespeare verwendete das Wort “monstroes” um Schauspielen
zu beschreiben, und das trifft die Sache wirklich sehr genau.
Stellen Sie sich die Arbeit mit lebendigem Material vor. Jede der anderen Kuenste verwendet tote Werkstoffe, die erst durch den Kuenstler zum Leben erweckt werden: Farbe, Ton und so weiter. Nur der Schauspieler bedient sich lebendigen Materials. Und fuer mich stellt das nicht einen Nachteil dar, sondern es ist fuer mich das Herz und der Kern der Theaterkunst. Theater gruendet sich auf die lebendige Gegenwart des Menschen.
Lee Strasberg
